Was ist Gender Medizin? - Die Geschlechter

02.02.2018
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Vortrag von Prof. Dr. med. Alexandra Kautzky-Willer

Teil 1: Was ist Gendermedizin?

Die Gendermedizin – oft auch „geschlechtsspezifische Medizin“ hat ihre Wurzeln in der Frauenbewegung. Lange Zeit war nicht nur das allgemeine Weltbild männlich dominiert, auch in der Medizin diente der Mann als Prototyp des Menschen. Das medizinische Wissen hinsichtlich Krankheitsbildern, Diagnose und Therapie orientierte sich an diesem einen Modell.  „35 Jahre alt, 80kg, weiß, männlich“, erklärt Univ. Prof. Dr. Alexandra Kautzky-Willer, Professorin für Gendermedizin in einem Vortrag. Blinde Flecken waren somit systemimmanent.

Erst mit dem Aufkommen der Frauenbewegung rückte auch das Thema Frauengesundheit in den Blickpunkt. Es entstanden erste Frauengesundheitsberichte, die infolge Vorlage für spezifische Männergesundheitsberichte boten. Aus dem Bestreben, den Menschen differenzierter zu betrachten, entwickelte sich die Gendermedizin. Sie ist der erste und wichtigste Schritt zu einer  patientenzentrierten, individualisierten Medizin.

Gendermedizin ist individualisierte Medizin

Wenn heute von „precision medizin“ gesprochen wird, von einer Medizin, die den Patienten oder die Patientin unter Einbeziehung individueller Gegebenheiten behandelt, so spielt immer auch das Geschlecht eine Rolle. Die Gendermedizin befasst sich daher immer mit beidem – mit Männern und Frauen. So lassen sich Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten feststellen.

Kautzky-Willer: „Das ist wichtig: Es müssen nicht immer Unterschiede sein. Wichtig ist nur, dass überhaupt geschaut wird, ob sich bei bestimmten Krankheitsbildern die Symptome, die Diagnose und die Therapiewahl unterscheiden. Stellen diese sich als gleich heraus: bestens! Doch wenn nicht, dann muss man darauf reagieren.“

Unterschiede zwischen Männern und Frauen ziehen sich durch das gesamte medizinische Spektrum – von Gesundheitsverhalten und Prävention über Symptome, Krankheitsverlauf und Diagnose bis zu Therapie und Rehabilitation. Auch die Indikationen sind vielfältig. Als ganzheitlicher Ansatz beschäftigt sich die Gendermedizin mit allen Organen und Krankheitsbildern, nicht nur mit „frauenspezifischen“ (z.B.  Brust, Gebärmutter) oder „männerspezifischen“ (z.B. Prostata). 

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bringt es auf den Punkt: „Being a man or a woman has a significant impact on health“. Eines der WHO-Gesundheitsziele ist daher die Chancengleichheit („gender equality“). 

Gender und/oder Sex

Wer diesen „significant impact on health“ verstehen will, muss sich mit zwei Komponenten beschäftigen:

  • mit dem sozialen/gesellschaftlichen Geschlecht (engl. „gender“)
  • und mit dem biologischen Geschlecht (engl. „sex“)

Beide stehen ein Leben lang miteinander in Interaktion und beeinflussen bis ins hohe Alter, wie Krankheiten entstehen und wie wir sie empfinden.

Das soziale Geschlecht wurde bereits 1949 von der französischen Autorin Simone de Beauvoir beschrieben: „Man ist nicht als Frau geboren, man wird es.“ Beauvoir (und in späterer Folge auch die Gendermedizin) bezieht sich damit auf die gesellschaftlichen Einflüsse, auf Erziehung und auf die individuellen Lebenssituationen von Frauen. Wie ist Macht verteilt? Wer hat die Ressourcen? Viele Studien zeigen die gesundheitlichen Auswirkungen von Bildung und Bezahlung auf. Chancengleichheit im Sinne des WHO-Gesundheitsziels bedeutet daher, soziale  Ungleichheiten zu reduzieren. Auch von Gewalterlebnissen sind Frauen stärker betroffen als Männer.

Gender manifestiert sich in sozialen Normen. Das wird unter anderem ersichtlich, wenn man sich Frauen- und Männermagazine ansieht. Ernährungsartikel für Männer kreisen – sehr klischeehaft – um die Themen Grillen und Bier, Gesundheitsartikel beziehen sich auf Potenz und im Fitnessmagazin liest man(n) über den schnellsten Weg zum Sixpack. Frauenmagazine verschreiben sich unterdessen dem „optimalen Ernährungsplan für sie“; es geht um Diäten, gesunde Rezepte und Fitness für die Bikini-Figur.

XX und XY und weitere Geschlechter

Die zweite Säule der Gendermedizin, „Sex“, beschäftigt sich mit der Rolle der Biologie, insbesondere der Geschlechtschromosomen. Frauen weisen den Chromosomensatz XX auf, Männer sind XY-Träger.

Das X-Chromosom trägt die meisten Gene für Herz, Hirn und Immunsystem. Das wirkt sich auf viele Bereiche aus: Frauen haben ein stärkeres Immunsystem als Männer; sie sind weniger gefährdet für Infektionskrankheiten, weisen nach Impfungen eine bessere Antikörperbildung  auf. Die Kehrseite der Medaille ist, dass Frauen häufiger von Autoimmunerkrankungen betroffen sind. Dazu zählen unter anderem  Schilddrüsenüber oder  -unterfunktion, Multiple Sklerose und rheumatische Erkrankungen.

Das Y-Chromosom beinhaltet hauptsächlich Gene, die in Zusammenhang mit der Sexualfunktion stehen.

Neueste Forschungen sprechen sogar von einem dritten Geschlecht. Darunter versteht man Personen, die sich nicht in das heteronormale Geschlechtssystem „Frau“ oder „Mann“ einordnen lassen. Hierbei ist das Geschlecht im biologischen Sinn zwar festgelegt, aber es besteht eine davon abweichende, jedoch gesunde Geschlechtsidentität, eine Sexualdifferenzierungsstörung oder eine Geschlechtsidentitätsstörung. Auch diese Erkenntnisse müssen in der Genderforschung Berücksichtigung

Sexualhormone

Für alle Geschlechter gilt: Die Sexualhormone spielen eine wichtige Rolle für die Gesundheit. Fast alle Organe haben Rezeptoren (Andockstellen) für Sexualhormone und werden durch diese beeinflusst. Ob und wann (und welche) Krankheiten auftreten, wird von ihnen mitbestimmt.

+++ Lesen Sie in Teil 2: Welche körperlichen Unterschiede bestehen zwischen Männern und Frauen? +++

Die Autorin Frau Prof. Dr. med. Alexandra Kautzky-Willer, MedUni Wien ist die wissenschaftliche Leiterin des Instituts für Gendermedizin in Gars am Kamp, einer Gesundheitseinrichtung der VAMED in Kooperation mit der MedUni Wien.

 

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